Frauen, Flucht und Handlungsmacht

Von Ulrike Krause und Hannah Schmidt

 

Zum heutigen Weltfrauentag möchten wir den Blick auf die Lage geflüchteter Frauen in Aufnahmeländern legen. Zweifelsohne sind sie weltweit häufig mit diversen Gefahren konfrontiert, jedoch lassen sie diese nicht passiv über sich ergehen. Anhand unserer Forschung mit geflüchteten Frauen in Uganda zeigen wir, dass Frauen gegen Gefahren vorgehen, ökonomische Netzwerke aufbauen und sich für Wandel einsetzen.

 

Geflüchtete Frauen werden häufig in einer gewissen Opferrolle dargestellt. Ohne Zweifel fliehen sie nicht nur vor Gefahren, sondern sind auch auf der Flucht und in Aufnahmeregionen häufig mit besonderen Risiken konfrontiert. Sie können sexuelle und genderbasierte Gewalt erleiden, schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen ausgesetzt sein und vielfältige Formen von Diskriminierung erfahren. Umso wichtiger erscheint es, dass die spezifischen Belange geflüchteter Frauen im humanitären Flüchtlingsschutz und Flüchtlingsvölkerrecht nicht mehr unbeachtet bleiben. Seit den 1980er Jahren erhalten sie sowohl in rechtlichen Fragen zur Flüchtlingsanerkennung als auch in humanitären Fragen zu Schutzmaßnahmen vermehrt Aufmerksamkeit. Allerdings liegt ein starker Fokus auf Vulnerabilitäten von Frauen, durch den sie primär als Hilfsbedürftige abgebildet werden. Dies rückt vermeintlich notwendige Schutz-, Unterstützungs- oder auch Empowerment-Programme externer Institutionen in den Vordergrund.

Eben diese Verbindung zu Vulnerabilität wirkt viktimisierend auf Frauen und vernachlässigt ihre vielfältigen Handlungsfähigkeiten und eigenständigen Praktiken. Die Sichtbarmachung solcher Handlungsmacht ist Teil unseres Forschungsprojekts Global Refugee Protection and Local Refugee Engagement, in dem wir anstatt der humanitären Maßnahmen für Geflüchtete ihre eigenen Praktiken untersuchen, mit denen sie zu ihrer Sicherheit beitragen möchten. Geforscht haben wir hierfür primär mit kongolesischen Geflüchteten in Uganda, die im Flüchtlingslager Kyaka II oder der Hauptstadt Kampala gelebt haben.

Um von dem Bild geflüchteter Frauen als passive Opfer abzurücken, möchten wir nachstehend ihre Lebensbedingungen wie auch ihre Handlungsmacht und -stärke anhand alltäglicher Beispiele illustrieren, über die wir in Uganda erfahren haben.

 

Schutz vs. Gefahren für geflüchtete Frauen in Uganda

In Uganda leben derzeit etwa 1,1 Mio. Geflüchtete, die vor allem aus Nachbarstaaten wie dem Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo stammen. Sie werden in erster Linie in sogenannten ‚Settlements‘ in Uganda untergebracht, die eine Form von Flüchtlingslagern darstellen. Dort haben sie nicht nur Zugang zu humanitären Maßnahmen, sondern erhalten auch Land für agrarwirtschaftliche Nutzung, um für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können. Dieser Ansatz wird weltweit häufig als Paradebeispiel einer fortschrittlichen Flüchtlingsarbeit präsentiert, wobei die Menschen nach wie vor weitreichende Herausforderungen zu bewältigen haben. Studien belegen ähnlich unserer Forschung, dass Lebensgrundlagen häufig limitiert bleiben und vor allem Frauen weiterhin Gefahren ausgesetzt sind.

Gefahren reichen von sexualisierter und häuslicher Gewalt bis zu früher und Zwangsverheiratung. Lager als Räume begrenzter Ökonomien verstärken dies etwa durch Perspektivlosigkeit und Armut. Zudem können (Neu-)Aushandlungen von Geschlechterrollen Katalysatoren für diese Art der Gewalt sein, indem die empfundene Entmännlichung durch Gewalt versucht wird wiederherzustellen.

Solche Bedingungen und Risiken bestehen nicht nur trotz humanitärer Leistungen für Geflüchtete, sondern zum Teil auch aufgrund dieser Leistungen. Dies mag zunächst paradox klingen, da humanitäre Hilfe dem Schutz der Menschen dient, lässt sich aber an einem Beispiel verdeutlichen. In Kyaka II setzten humanitäre Organisationen unter anderem Maßnahmen zur ökonomischen Förderung von Frauen um, etwa in Form beruflicher Bildungsprogramme. Obwohl manche Frauen sagten, dass sie davon profitierten, traten auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen auf. Insbesondere der einseitige Fokus auf Frauen führte zu sozialen Konflikten über die ohnehin limitierten Ressourcen. Daneben konnten Frauen eine faktische Doppelbelastung erfahren, wenn sie nicht nur die Rollen der Mütter und Hausfrauen, sondern auch jene als Hauptverdienende und Entscheidungsträgerinnen in Familien erfüllen sollten. Vor allem aber zeigte sich, dass humanitäre Projekte oftmals im Vulnerabilitätsfokus verhaften blieben, in dem für Frauen entschieden wurde, welche Art der Förderung relevant sei – nicht aber gemeinsam mit ihnen.

Nicht zuletzt aufgrund solcher Schwierigkeiten entscheiden sich immer wieder Geflüchtete für ein Leben in einer Stadt wie Kampala. Gemeinhin werden humanitäre Maßnahmen primär in Lagern und nicht in Städten für selbstständig angesiedelte Geflüchtete bereitgestellt. Obwohl die Menschen dort ein eigenständigeres Leben führen konnten, blieben ihre Verhältnisse geprägt von Unsicherheiten. Insbesondere Frauen klagten über Angst vor gewaltsamen Übergriffen, sexueller Belästigung und wirtschaftlichen Engpässen. Sie berichteten, dass sich die Arbeitssuche mühsam bis unmöglich gestalte, dass sie Diskriminierung erfuhren und grundlegende Kosten teils kaum tragen konnten.

 

Handlungsmacht von geflüchteten Frauen

Obwohl diese Einblicke die vielfältigen Herausforderungen von Frauen in Aufnahmeregionen wie Uganda darstellen, dürfen sie nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass viele der Frauen, mit denen wir gesprochen haben, diverse eigene und unabhängige Bewältigungsstrategien etabliert haben.

Von besonderer Bedeutung für ihre Bewältigungsstrategien sind soziale Netzwerke, durch die Frauen – wie auch andere Geflüchtete – sich gegenseitig unterstützen. Es existiert eine Vielzahl an Unterstützungsgruppen: informell in familiären, freundschaftlichen oder nachbarschaftlichen Verbänden, aber auch formalisiert als Tanzgruppen, Spargruppen oder Agrarkooperativen. Verdeutlicht wird dies in der Aussage einer Frau in Kampala, die betonte, dass sie nicht wüsste, wo sie ohne ihre Freunde sei. Eine andere Frau, die aus Somalia geflohen war und ebenfalls in Kampala lebte, sprach über den größeren sozialen Zusammenhalt, was Geflüchtete anderer Nationalitäten ähnlich betonten.

„We as Somalis, we help each other. […] We believe in sharing because we are a brotherhood. I share whatever I have with my friend. That little is enough to go all around.“

Darüber hinaus entschieden Frauen eigenständig, wann und in welcher Form sie soziale Unterstützung suchten. Mitglieder einer eigens gegründeten Tanzgruppe im Flüchtlingslager Kyaka II erklärten, dass das gemeinsame Tanzen ihnen helfe und ‚das Blut in den Adern nicht stocken, sondern fließen lässt‘. Dies kann im direkten Kontrast zu psychologischen Selbsthilfegruppen in Kyaka II gesehen werden, die von humanitären Organisationen etabliert und gefördert wurden, damit Frauen alleinig durch Gespräche Linderung erfuhren. Da externe Instanzen entscheiden, was Frauen brauchen, anstatt eigene Impulse aufzugreifen, verdeutlicht sich die paternalistische Logik und Vorgehensweise humanitärer Maßnahmen.

Fragt man hingegen die Frauen nach ihren eigenen Prioritäten, werden rasch vielfältige andere Aspekte sichtbar. Im Flüchtlingslager Kyaka II wie auch in Kampala sprachen sie davon, dass sie sich für lokale Mechanismen zur Konfliktlösung einsetzten, in politischen Repräsentationsstrukturen beteiligten und ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit förderten. Viele Frauen unterstrichen die Bedeutung wirtschaftlicher Möglichkeiten in ähnlichem Ton wie diese Frau: „Business is the first priority for women!“

Wirtschaftliche Handlungen waren keineswegs auf Individuen beschränkt. Frauen unterstützten sich untereinander, indem sie etwa Wissen weitergaben, Fertigkeiten vermittelten oder sogar durch informelle Kredite Startkapital bereitstellten. In Kyaka II und Kampala etablierten Frauen – und andere Geflüchtete – nicht nur wirtschaftliche Netzwerke, sondern auch eigene Geschäfte wie unter anderem Frisörsalons und Restaurants. Sie navigierten so durch die lokalen Bedingungen und machten sich Ressourcen zu nutze.

Doch nicht nur solche sichtbaren Handlungen verdeutlichen, wie geflüchtete Frauen Herausforderungen bewältigen. Andere Forschende verweisen auch auf vermeintliche Nicht-Handlungen wie Stillschweigen teilweise als defensive und teilweise als proaktive Handlungsmacht, um mit Problemen umzugehen. Wichtig für viele Frauen, mit denen wir in Uganda gesprochen haben, war, sich einen Alltag zu schaffen, sich sicher und wohl zu fühlen, ein ‚Zuhause‘ zu haben, sich um Kinder und Familienmitglieder zu kümmern und Stabilität zurückzugewinnen. Es ging also sowohl darum, ihr zumeist schwieriges Leben im Flüchtlingslager oder der Stadt zu bewältigen, als auch zukunftsorientiert zu verbessern.

Dass die Für-/Sorge um Familienmitglieder, insbesondere um Kinder, eine gewichtige Rolle spielt, ist gewiss verständlich. Jedoch erklärten viele Frauen, dass sie sich nicht nur darum bemühten, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern dass sie selbst auch aus der Fürsorge und Verantwortung für ihre Kinder Kraft zogen, um Schwierigkeiten zu bewältigen und Wege zu finden.

 

Die Vielfalt der Handlungen geflüchteter Frauen erkennen

Diese alltäglichen Strategien, die die Frauen in Uganda nutzen, um ihre Lebensverhältnisse zu verbessern und Stabilität in Zeiten der Unsicherheit zurückzugewinnen, steht der häufig genutzten Rhetorik humanitärer und politischer Institutionen über Frauen als Opfer entgegen. Zweifelsohne sind Frauen – wie auch andere Geflüchtete – mit komplexen Schwierigkeiten in Aufnahmeregionen konfrontiert. Jedoch bewältigen sie ihre spezifischen Gefahren sowohl durch individuelle Bewältigungsstrategien als auch durch gegenseitige Unterstützung.

An dieser Stelle könnte die Frage aufkommen, warum diese Praktiken von Bedeutung sind und ob sie nicht eigentlich auf die meisten Menschen weltweit zutreffen. Selbstverständlich setzten sich auch jene, die nicht vor Konflikten, Umweltkatastrophen oder anderen Gefahren geflohen sind, mit ihren Lebensverhältnissen auseinander, sodass solche Bemühungen nicht nur auf Geflüchtete oder speziell geflüchtete Frauen beschränkt sind. Wissenschaftliche (sowie humanitäre, politische und öffentliche) Debatten über Geflüchtete werden allerdings häufig von rechtlichen, politischen oder humanitären Kategorien und Konzepten geprägt, die die persönlichen Erzählungen, Wünsche und Handlungen der Menschen hinter dem Label ‚Flüchtling‘ verstecken. Um der Idee der geflüchteten Frau als Opfer zu entkommen, und um zu verstehen, wie Frauen und andere weltweit mit den oftmals problematischen Aufnahmesituationen umgehen, bedarf es eines Blicks über solche Konzepte und Kategorien hinaus auf die Menschen.

 

 

Das Forschungsprojekt „Global Refugee Protection and Local Refugee Engagement. Scope and Limits of the Agency of Refugee-led Community-based NGOs“ wird am IMIS der Universität Osnabrück durchgeführt und von der Gerda Henkel Stiftung gefördert, bei der wir uns hiermit vielmals bedanken. Ebenso gilt unser Dank allen geflüchteten Menschen in Uganda, die an unserer Forschung teilgenommen haben.

Dieser Beitrag ist in der Blogreihe des Arbeitskreises Flucht und Gender des Netzwerks Fluchtforschung erschienen. Er basiert in Teilen auf einem kürzlich in der Zeitschrift Gender veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel „Being beaten like a drum“. Gewalt, Humanitarismus und Resilienz von Frauen in Flüchtlingslagern.

 

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