Globale Trends zu Flucht und Asyl im Jahr 2019

 

Von Marcus Engler und Ulrike Krause

 

Anlässlich des Weltflüchtlingstags veröffentlicht das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) auch in diesem Jahr den Bericht über die globalen Trends. In dem aktuellen Bericht wird deutlich: die Entwicklungen der letzten Jahre prägen auch jene in 2019. Die Zahl der geflüchteten Menschen ist abermals stark gestiegen. Die meisten Geflüchteten befinden sich weiterhin in Ländern im ‚Globalen Süden‘. Flucht- bzw. Aufnahmesituationen dauern nach wie vor zunehmend lang an. Zugang zu dauerhaften Lösungen hat sich wieder verschlechtert und ist unzureichend.

 

Mittlerweile ist es zu einer Tradition geworden, dass UNHCR anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20. Juni den sogenannten Global Trends-Bericht veröffentlicht. Seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten erscheint dieser Bericht, in dem die Entwicklungen des weltweiten Fluchtgeschehens jeweils zum Vorjahr dargelegt werden. Und so ist auch jetzt der aktuelle Bericht über ‚Global Trends: Forced Displacement in 2019‘ verfügbar.

In unserem Beitrag reflektieren wir die Entwicklungen und statistischen Daten, die aus dem Bericht hervorgehen. Dabei knüpfen wir an vorherige Beiträge an, die wir zu den Global Trends-Berichten der letzten Jahre auf dem FluchtforschungsBlog veröffentlicht haben (siehe die Beiträge über die Entwicklungen in 2018, 2017, 2016 und 2015). Zusätzlich zur Diskussion und Einordnung der Daten hinterfragen wir am Ende des Beitrags genereller die ‚Macht der Zahlen‘ und ihre Begrenztheit.

Aufgrund der aktuellen, stark von der Coronapandemie geprägten Situation wäre sicher anzunehmen, dass UNHCR einen Fokus auf deren Folgen für Flucht und Geflüchtete im Bericht legt. Dies ist jedoch nicht der Fall, da sich der Bericht auf Entwicklungen bis Ende 2019 konzentriert. Die Folgen der Coronapandemie kommen daher nur am Rande im Bericht vor und werden mit hoher Wahrscheinlichkeit im nächsten Bericht zu 2020 zentral sein. Für aktuelle Debatten über Auswirkungen der Pandemie auf Flucht und Geflüchtete haben wir auf dem Blog eine neue Reihe initiiert.

 

Überblick über globale Entwicklungen in 2019

Unmittelbar zu Beginn des Berichts ‚Global Trends: Forced Displacement in 2019‘ ist unmissverständlich erkennbar, dass die Zahlen der Geflüchteten weiter gestiegen sind. 2019 waren weltweit 79,5 Mio. Menschen auf der Flucht bzw. befanden sich in Aufnahmeländern und -regionen. Dies entspricht einer Zunahme um etwa 8,7 Mio. Menschen im Vergleich zum Vorjahr 2018, in dem noch 70,8 Mio. Geflüchtete registriert waren. Die Zahlen von Geflüchteten steigen seit 2011 kontinuierlich an und haben sich innerhalb von nur zehn Jahren global fast verdoppelt (siehe das nachstehende Diagramm). UNHCR betont in einer Pressemitteilung, dass 2019 etwas mehr als 1% der Weltbevölkerung auf der Flucht war. 1% ist 1% zu viel.

Doch wer ist in den Statistiken aufgenommen? Die Gesamtzahl der von UNHCR erfassten Geflüchteten setzt sich wie in den vergangenen Berichten in erster Linie aus den Gruppen der Flüchtlinge, Asylsuchenden und Binnenvertriebenen zusammen. In diesem Jahr kommen sogenannte ‚Venezuelans displaced abroad‘ (also venezolanische Geflüchtete im Ausland) als weitere Kategorie hinzu.

Binnenvertriebene, also Menschen die innerhalb ihrer Herkunftsländer geflohen sind, stellen mit 45,7 Mio. Menschen die mit Abstand größte Gruppe Geflüchteter dar, was auch in den Vorjahren der Fall war (2018: 41,3 Mio.). Die Zahl der Flüchtlinge, also Menschen, die in einem anderen Staat Schutz gefunden haben, bleibt mit 26 Mio. gegenüber dem Vorjahr nahezu konstant (2018: 25,9 Mio.). Von diesen sind 5,6 Mio. palästinensische Flüchtlinge unter dem Mandat des Hilfswerks der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA). Bei den 4,2 Mio. Asylsuchenden war der rechtliche Status noch nicht festgestellt. Ihre Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls gestiegen (2018: 3,5 Mio.).

Erstmalig in den Global Trends-Berichten wird nun die Gruppe der ins Ausland geflohenen Venezolaner*innen ausgewiesen. Hintergrund hierfür sind die besonderen rechtlichen Rahmenbedingungen der Schutzgewährung in Lateinamerika sowie die sehr unterschiedliche Praxis der Aufnahmestaaten in der Region. Insgesamt geht UNHCR von 4,5 Mio. Venezolaner*innen auf der Flucht aus. Ein Teil von ihnen haben bereits – in anderen Staaten der Region, aber auch in anderen Weltregionen – den Flüchtlingsstatus erhalten oder befinden sich in Asylverfahren. Bei etwa 3,6 Mio. der Menschen ist dies nicht der Fall. Sie sind bisher weder als Flüchtlinge anerkannt worden, noch haben sie Zugang zu einem Asylverfahren erhalten. Einige von ihnen verfügen über einen temporären Aufenthaltstitel, andere halten sich ohne regulären Aufenthaltsstatus in anderen Staaten der Region auf.

Anzumerken ist an dieser Stelle, dass staatenlose Menschen oder auch jene, die ihre Heimat aufgrund von ökonomischer Perspektivlosigkeit oder Klima- und Umweltveränderungen fliehen, nicht in der Gesamtzahl der 79,5 Mio. Geflüchteten erfasst sind. Bei dieser Zahl geht in erster Linie um Geflüchtete, die unter das Mandat von UNHCR fallen. Auf Seite 56 verweist der Global Trends-Bericht auf mindestens 4,2 Mio. Staatenlose, schätzt aber die Zahl der nicht registrierten Staatenlosen als deutlich höher ein.

 

Das nachstehende Diagramm illustriert die Entwicklungen von 2010 bis 2019.

Quelle: UNHCR (2020), Global Trends: Forced Displacement in 2019, S. 7.

 

Darüber hinaus erläutert der Bericht die demographische Konstellation der Geflüchteten weltweit. Zusätzlich zu der im Bericht auf Seite 2 prominent hervorgehobenen Schätzung von 30 bis 34 Mio. Kindern unter 18 Jahren, die von den 79,5 Mio. Menschen auf der Flucht waren, fasst der Bericht auf Seite 15-20 gender- und altersspezifische Angaben zusammen.

Unter allen international Geflüchteten (‚internationally displaced‘), die statistisch erfasst wurden, bestanden geringe Unterschiede in der Anzahl von weiblichen und männlichen Geflüchteten, wobei im Bericht keine Hinweise auf LGBTIQ* Personen zu finden sind. Mehr männliche als weibliche Geflüchtete wurden in den Altersgruppen von 0 bis 4 und 12 bis 17 Jahren um jeweils 1% sowie von 18 bis 59 Jahren um 6% verzeichnet. Menschen zwischen 18 und 59 Jahren stellen mit 58% die größte Altersgruppe unter allen international Geflüchteten dar. Während Minderjährige (also unter 18 Jahren) insgesamt 38% ausmachen, waren lediglich 2% älter als 60 Jahre (siehe S. 15).

Mit Fokus auf die als Flüchtlingen kategorisierten Menschen waren 43% zwischen 18 und 59 Jahren, 52% zwischen 0 und 17 Jahre und nur 4% über 60 Jahre (siehe S. 19). Im Vergleich zu internationalen Migrant*innen und der Weltbevölkerung verdeutlicht sich das Ungleichgewicht, das in der nachstehenden Grafik illustriert ist.

 

Quelle: UNHCR (2020), Global Trends: Forced Displacement in 2019, S. 19.

 

Dies lässt zunächst annehmen, dass die Wahrscheinlichkeit der Flucht bei älteren Menschen sinkt und jüngeren deutlich höher ist. Jedoch muss berücksichtigt werden, dass es sich bei dieser Übersicht nicht nur um Neuvertriebene handelt, sondern auch um Menschen, die über viele Jahre im Exil sind (siehe nachstehend). Die altersspezifischen Angaben machen dennoch konkrete Bedarfe für Geflüchtete in Aufnahmeländern und -regionen deutlich. Denn zusätzlich zu regulären Schutz- und Unterstützungsleistungen, die primär auf Erwachsene ausgelegt sind, besteht ein hoher Bedarf an der Fortführung und ggf. Intensivierung von kinderspezifischen und -gerechten Maßnahmen, um ihre Sicherheit, Unterstützung und Förderung zu gewährleisten.

 

Wo suchen Menschen Schutz?

Immer wieder sind Standpunkte wie „wir können nicht alle aufnehmen“ in öffentliche und politische Debatten in Deutschland und anderen westlichen Ländern zu hören. Diese Standpunkte erwecken den Anschein, dass die meisten Menschen in westliche Länder fliehen würden, was schlicht nicht der Fall ist.

Ähnlich der letzten Jahre zeigt auch der aktuelle Global Trends-Bericht, dass die meisten Menschen innerhalb ihrer Herkunftsregionen fliehen und sich in Ländern im ‚Globalen Süden‘ befinden. Konkret legt UNHCR im Bericht dar, dass 2019 etwa 17,1 Mio. bzw. 85% aller Flüchtlinge unter UNHCR-Mandat in Entwicklungsländern lebten. Davon wurden 6,7 Mio. bzw. 13% in am wenigsten entwickelten Ländern aufgenommen (S. 2, 16 ff; zu IDPs S. 28 ff).

Das wichtigste Aufnahmeland war 2019 erneut die Türkei mit 3,6 Mio. Flüchtlingen, überwiegend aus Syrien (zudem ca. 300.000 Asylbewerber). An zweiter Stelle lag Kolumbien, in dem 1,8 Mio. venezolanische Flüchtlinge Zuflucht gefunden hatten. Als einziges europäisches Land befand sich Deutschland mit 1,1 Mio. aufgenommenen Flüchtlingen (sowie weiteren rund 300.000 Asylsuchenden) in der Liste der zehn wichtigsten Aufnahmestaaten (siehe nachstehend ‚Figure 3‘). Quantitativ bedeutsame Aufnahmestaaten bleiben weiterhin auch Pakistan mit rund 1,4 Mio. überwiegend afghanischen Flüchtlingen sowie Uganda mit etwa 1,4 Mio. Flüchtlingen primär aus der Demokratischen Republik Kongo und dem Südsudan.

 

Quelle: UNHCR (2020), Global Trends: Forced Displacement in 2019, S. 9.

 

Diese Liste illustriert nicht nur, in welchen Staaten sich die meisten Flüchtlinge befinden, sondern verdeutlicht auch die weltweit ungleiche Verteilung von Verantwortung zwischen Staaten. Dies ist keinesfalls ein neuer Trend, sondern zeichnet sich seit Jahrzehnten ab.

 

Wie lang befinden sich Menschen auf der Flucht und in Aufnahmeregionen?

Die hohe Zahl an Geflüchteten ist nicht nur das Ergebnis von Neuvertreibungen, sondern erklärt sich maßgeblich dadurch, dass viele Geflüchtete über Jahre bis hin zu Jahrzehnten in Aufnahmeländern oder -regionen verbleiben müssen. Von den 79,5 Mio. Geflüchteten 2019 wurden geschätzte 11 Mio. Menschen neu vertrieben. Davon sind etwa 2,4 Mio. Flüchtlinge über Landesgrenzen hinweg und 8,6 Mio. Binnenvertriebene innerhalb ihrer Herkunftsländer geflohen. Neu registriert wurden 2019 weltweit 2 Mio. Asylanträge. Im Vergleich zum Vorjahr 2018 ist die Zahl zwar von 13,6 Mio. gesunken, allerdings ist davon auszugehen, dass viele der vermeintlich ‚Neuvertriebenen‘ bereits in der Vergangenheit fliehen mussten und somit unter mehrfacher Flucht und/oder Vertreibung leiden.

Wie auch in den letzten Jahren ist die größte Gruppe der Flüchtlinge gemäß der Staatsangehörigkeit weiterhin Syrer*innen, von denen rund 6,7 Mio. in einem anderen Staat Zuflucht gefunden hat. Mit ca. 4,5 Mio. Menschen waren Venezolaner*innen die zweitgrößte Gruppe. Darüber hinaus waren nach wie vor viele Flüchtlinge aus Afghanistan (ca. 3 Mio.), dem Südsudan (2,2 Mio.) und Myanmar (1,1, Mio.) im Exil (siehe nachstehend ‚Figure 2‘).

 

Quelle: UNHCR (2020), Global Trends: Forced Displacement in 2019, S. 8.

 

An dieser Stelle müssen wir betonen, dass Entwicklungen der Vorjahre auf problematische Weise anhalten. Denn trotz des leichten Rückgangs der Zahlen von Neuvertriebenen halten insbesondere die jahrelangen Aufenthalte in Aufnahmeländern an. Mit 15,7 Mio. befanden sich 2019 rund 77% aller Flüchtlinge in langwierigen Aufnahmesituationen (2018: 15,9 Mio. bzw. 78%). Diese sogenannten Langzeitsituationen (engl. protracted refugee situations) erfasst UNHCR gemeinhin als jene, bei denen Flüchtlinge für mindestens fünf Jahre im Exil sind. Zudem nutzt UNHCR zumeist den Schwellenwert von mindestens 25 000 Menschen der gleichen Nationalität im Aufnahmeland (vgl. im Bericht zu 2019, S. 24). In der Realität ist die Dauer jedoch häufig deutlich länger. Während UNHCRs Bericht zu 2018 einen detaillierten Überblick zur Dauer der Situationen darlegt (S. 23), fehlen diese Angaben im aktuellen Bericht. Dies ist sowohl bedauerlich als auch verwunderlich, denn Bedingungen unmittelbar nach der Flucht unterscheiden sich maßgeblich von jenen nach Jahrzehnten im Exil. Insgesamt deutet der Bericht allerdings an, dass sich Entwicklungen der Vorjahren fortsetzen, weswegen wir schlussfolgern, dass viele Menschen deutlich länger als fünf Jahre, sondern gar über 30 oder 40 Jahre im Exil verbleiben müssen.

Diese Entwicklungen sind einerseits weiterhin stark von gewaltsamen Konflikten bedingt. Konflikte rufen nicht nur neuen Fluchtbewegungen hervor, sondern tragen eben auch zu den langwierigen Aufnahmesituationen bei. Denn wenn Unsicherheit in Herkunftsregionen anhält, ist es Geflüchteten nicht möglich zurückzukehren. Andererseits entstehen Langzeitsituationen natürlich auch, weil Geflüchtete kaum Zugang zu anderen dauerhaften Lösungen neben der Rückkehr an Herkunftsorte haben. Diese Punkt beleuchten wir im Folgenden näher.

 

Wie häufig haben Geflüchtete Zugang zu dauerhaften Lösungen?

Die zuvor benannte ungleiche Verteilung von Verantwortungen unter Staaten betrifft nicht nur die unmittelbare Schutzbereitstellung für Geflüchtete. Darüber hinaus bleiben Staaten zurückhaltend in der Unterstützung der sogenannten dauerhaften Lösungen. Als solche gelten die freiwillige Rückkehr in Herkunftsregionen bzw. -länder, die Umsiedlung in aufnahmebereite sichere Drittstaaten (engl. resettlement) und die dauerhafte lokale Integration in Asylländern, die eine Perspektive auf Einbürgerung für Geflüchtete bietet.

2019 konnten lediglich 317.200 Flüchtlinge in ihre Herkunftsländer zurückkehren, was einen erneuten Rückgang darstellt (2018: 593.800). Die meisten Flüchtlinge kehrten 2019 in den Südsudan (99.800), nach Syrien (95.000) und in die Zentralafrikanische Republik zurück (46.500). Laut UNHCR zählten auch Personen dazu, die in unsichere Verhältnisse zurückkehrten. Die Zahl der in Drittstaaten umgesiedelten Flüchtlinge ist zwar minimal gestiegen (2019: 107.800 gegenüber 2018: 92.400). Dennoch liegt dieser Wert weiterhin weit entfernt von dem von UNHCR ermittelten Resettlement-Bedarf von 1,4 Mio. Flüchtlingen für 2019. Zudem konnten sich etwa 55.000 Flüchtlinge in Aufnahmeländern dauerhaft integrieren und wurden dort eingebürgert (2018: 62.600).

Folglich erhielten 2019 lediglich rund 2,4% aller Flüchtlinge unter UNHCR-Mandat Zugang zu einer dauerhaften Lösung. Damit wird der Abwärtstrend der dauerhaften Lösungen weiter verstärkt (2018: 3,7%; 2017: 4,2%; 2016: 4,4%, 2015: 2,1%). Dies ist höchst problematisch, denn die unzureichende Lösungsfindung führt unmittelbar zu langwierigen Aufnahmesituationen, die häufig geprägt sind von Restriktionen und prekären Lebensbedingungen.

 

Die Situation bleibt schwierig…

In unseren Blogbeiträgen zu den vorherigen Global Trends-Berichten haben wir diverse Probleme besprochen (siehe die Beiträge zu 2018, 2017, 2016 und 2015). So unter anderem die anhaltenden gewaltsamen Konflikte, rechtlichen Einschränkungen und problematischen Lebensverhältnissen für Geflüchtete in vielen Aufnahmesituationen, das fortwährende Encampment-Phänomen, fehlenden Übernahme von Verantwortungen der Staaten und ihrer dringend notwendigen Zusammenarbeit als internationale Gemeinschaft, unzureichenden Finanzierungen des humanitären Flüchtlingsschutzes, und so weiter. All diese Probleme halten auch 2019 an, sodass weiterhin eine große Lücke zwischen Bedarfen und tatsächlichem Zugang zu Schutz besteht. Die massiven Auswirkungen, die die Coronapandemie in den letzten Monaten weltweit hatte, deutet nicht nur ein Fortwähren der Probleme auch in diesem Jahr an, sondern sogar eine Verschlechterung vor allem beim Zugang zu dauerhaften Lösungen.

Dennoch möchten wir nicht das globale Flüchtlingsregime und seine Bedeutung für den internationalen Flüchtlingsschutz in Frage stellen. Gar gegensätzlich: in der jüngsten Zeit ist insbesondere mit der Verabschiedung der New Yorker Erklärung von September 2016 wie auch des Global Compact on Refugees Ende 2018 (für Blogbeiträge, siehe hier) Wege zur intensivierten Zusammenarbeit der Staaten geebnet. Das erste Globale Flüchtlingsforum fand im Dezember 2019 statt und hat viel Aufmerksamkeit erhalten. Obwohl in der Wissenschaft wie auch der Politik überaus kritische Stimmen zu hören waren, so schätzen wir diese Entwicklungen als wichtige Weichenstellungen ein, deren Potential insbesondere durch die Staaten nun realisiert werden muss.

 

Steigende Zahlen, die zu Alarmismus einladen? Abschließende Reflexion zur ‚Macht der Zahlen‘

Nie zuvor seitdem diese statistische Erfassung Anfang der 1990er Jahre eingeführt wurde, registrierten UNHCR und die Staaten so viele Menschen auf der Flucht. UNHCR illustriert dies eindrücklich und mit warnendem gelben Hintergrund zu Beginn des Berichts mit der nachstehenden Grafik:

 

Quelle: UNHCR (2020), Global Trends: Forced Displacement in 2019, S. 2.

 

Zweifelsohne sind die Angaben besorgniserregend und zweifelsohne belegen sie die dringende Notwendigkeit für die internationale Gemeinschaft zu handeln. Doch wie aussagekräftig sind solche Zahlen?

Einige Beobachter*innen haben zu Recht darauf hingewiesen, dass statistische Berichte wie jene von UNHCR, nur Momentaufnahmen darstellen. So kritisieren etwa Sonja Fransen und Hein de Haas (mit Verweis auf Peter Gatrell), dass die historische Entwicklung von Zwangsmigration nur verzerrt wiedergeben können. Zum Beispiel lag die Zahl der Zwangsmigrant*innen Ende des Zweiten Weltkriegs sowohl in absoluten Zahlen (ca. 175 Millionen) als auch als Anteil an der Weltbevölkerung (ca. 8%) deutlich höher als gegenwärtig.

Der deutliche Anstieg der gesamten Zahl der Geflüchteten seit den 2000er Jahren ist nicht nur auf bestehende Gewaltgefahren wie Konflikte als Fluchtmotive zurückzuführen, sondern auch auf die Art der Datenerfassung. Insbesondere der Umfang von Binnenvertreibung ist gewachsen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass es vorher kaum bis keine Binnenvertreibung gab. Vielmehr haben intensivierte statistische Erfassungen zur detaillierteren Aufzeichnungen beitragen – und dennoch bleiben viele Binnenvertriebene nach wie vor unberücksichtigt, weil sie innerhalb ihrer Herkunftsländer fliehen. Im Kontrast dazu ist die Registrierung von Flüchtlingen bereits länger ‚professionalisiert‘ und ihr Anstieg erscheint im Verlauf der letzten Jahre langsamer. Jedoch lag ihr Anteil an der Weltbevölkerung 2019 bei 0,27% und somit sogar etwas niedriger als zu Beginn der 1990er Jahre. Auch wenn die Zahlen insgesamt ansteigen, verdeutlichen diese Angaben, dass keineswegs auf eine Überforderung der Weltgemeinschaft geschlossen werden. Die Zahlen dürfen also nicht zu einem Alarmismus führen.

Darüber hinaus sind die Zahlen an sich auch kritisch zu reflektieren. Denn wie das Beispiel der Aufzeichnung von Binnenvertreibung zeigt, können Daten nur bestimmte Erkenntnisse darlegen. Statistiken beruhen auf spezifischen Kategorien und reflektieren lediglich Inhalte dazu. Wenn gewisse Kategorien unberücksichtigt bleiben oder die Infrastruktur zur Erhebung von Daten nicht existiert, fehlen die entsprechenden Angaben.

Kritisch ist allerdings, dass solche Statistiken und ihre Visualisierungen in Diagrammen oder Grafiken vermeintlich harte Fakten und eine „Illusion der Transparenz“ präsentieren. Doch wie wir im Beitrag mit dem kurzen Hinweis auf LGBTIQ* Personen beispielhaft gezeigt haben, ist der Informationsgehalt von Statistiken begrenzt. Da nicht explizit in allen Ländern Angaben zur sexuellen Identität und Orientierung der Geflüchteten erhoben wurde, kann UNHCR im Global Trends-Bericht keine Zusammenfassungen bereitstellen. Die fehlende Aufnahme des Anteils von LGBTIQ* Geflüchteten in der demographischen Aufstellung bedeutet hingegen nicht, dass es keine LGBTIQ* Geflüchteten gibt – in den Statistiken sind die Menschen indes unsichtbar.

Dies wirft natürlich Fragen auf, welche Art von Wissen – und im Umkehrschluss auch welches ‚Nichtwissen‘ – in solchen Berichten produziert wird. Eindrücklich haben Stephan Scheel und Funda Ustek-Spilda in einem Aufsatz über Migrationsmanagement und Statistiken von IOM die Frage von Nichtwissen und Ignoranz eruiert. Dies können wir an dieser Stelle mit Blick auf den jüngsten Global Trends-Bericht nicht vornehmen, möchten aber auf die Grenzen von Statistiken und ‚Big Data‘ hinweisen.

 

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