Intersektionalität und sexuelle Bildungsarbeit in Deutschland – Herausforderungen, Diskurse, Perspektiven

Von Melanie Schmitt, Aurelia Starringer und Lisa Vischer

Sexuelle Bildung im Kontext von Flucht ist eingebettet in einen normativ und emotional aufgeladenen gesellschaftlichen Diskurs, der machtvolles Wissen in Bezug auf Geschlecht, Sexualität und Flucht produziert. Praktiker*innen aus diesem Feld stehen vor vielfältigen Herausforderungen. Sie müssen komplexe Lebenslagen und gesellschaftliche Veränderungsprozesse berücksichtigen. Dieser Beitrag befasst sich mit der Perspektive von Praktiker*innen der sexuellen Bildungsarbeit auf die ‚Zielgruppe‘ der Menschen mit Fluchterfahrung und schließt mit Überlegungen zu einem intersektionalen Verständnis sexueller Bildungsarbeit.

 

Seit ca. 2015 bieten in Deutschland verschiedene Wohlfahrtsverbände, Bildungsträger, aber auch freiberufliche Praktiker*innen vermehrt sexualpädagogische Kurse für Menschen mit Fluchterfahrung an. Nachgefragt werden die meist ein- oder mehrmaligen Gruppensitzungen von dritten Akteur*innen, z. B. Betreiber*innen von Sammelunterkünften, Wohngruppen, Schulen, usw. Die Herausforderungen für Praktiker*innen sind dabei vielfältig: Wissens(be)stände, Geschlechts- und Sexualitätsmuster, Normen- und Wertvorstellungen und damit auch Erwartungen variieren. Dies gilt sowohl auf Seiten der Teilnehmenden als auch der Praktiker*innen. Dabei fehlt es sexueller Bildungsarbeit im Allgemeinen häufig an einer Auseinandersetzung mit ineinander verwobenen Ungleichheitskategorien und Machtverhältnissen, wie z. B. dem Zusammenspiel von Geschlecht, Sexualität und Rassismus. Dies gilt nicht nur im Kontext von Flucht, hier sind aber Zuschreibungen besonders bedeutsam.

Eine intersektionale Herangehensweise kann dazu beitragen, pauschalisierende Zuschreibungen zu vermeiden und Ungleichheitsstrukturen in der praktischen Bildungsarbeit zu berücksichtigen. Hierfür bedarf es einer kritischen Reflexion der eigenen Haltung und der Annahmen, die z. B. über eine Zielgruppe bestehen.

Unser Beitrag basiert auf zehn leitfadengestützten Interviews mit sexualpädagogischen Fachkräften, die aus drei wissenschaftlichen Untersuchungen im Rahmen einer Qualifikationsarbeit und eines Lehrforschungsprojekts hervorgehen.

Nach einer kurzen Verortung sexueller Bildung im Kontext des Diskurses um Flucht interessieren wir uns für Wissensformen, in welchen Vorstellungen zu Geschlecht, Sexualität und Flucht miteinander verbunden werden. Was macht Geflüchtete aus Sicht der Praktiker*innen zu einer ‚besonderen‘ Zielgruppe sexueller Bildungsarbeit? Welche vergeschlechtlichten Vorstellungen spielen dabei eine Rolle? Wie wird über die ‚Zielgruppe‘ reflektiert? Wie wird mit Spannungsverhältnissen umgegangen?

 

Sexuelle Bildung mit Geflüchteten als Ort der (politischen) Aushandlung von Zugehörigkeit

Sexualität und Geschlecht spielen im Kontext von Migration und Flucht eine zentrale Rolle für Stereotype, Diskriminierungen und Ausgrenzungen. V. a. als muslimisch markierte Migrant*innen und Geflüchtete sind oftmals Adressat*innen von Problematisierungen.

Bei Männern mit Fluchtgeschichte steht v. a. deren vermeintlich rückständige oder gefährliche Sexualität im Fokus. Das sexualpolitische Stigma als „sexuell übergriffiger muslimischer Flüchtling“ verfestigte sich insb. in Folge der Ereignisse der Kölner Silvesternacht 2015/16. Ganz anders die Wahrnehmung geflüchteter Frauen: Sie werden häufig lediglich als ‚vulnerable‘ Gruppe wahrgenommen und stehen eher selten im medialen Scheinwerferlicht.

Dieser Blick auf Sexualität und Geschlecht ist verknüpft mit einer identitätspolitischen Debatte um eine ‚Wertedifferenz‘. Die Möglichkeit einer ‚erfolgreichen‘ Integration von Geflüchteten und als muslimisch gelesenen Menschen wird bezweifelt.

Daraus wird zuweilen die integrationspolitische Forderung abgeleitet, Geflüchtete sollen möglichst schnell westliche Geschlechts- und Sexualitätsmuster übernehmen. Dies manifestiert sich in der Idee einer präventiv ausgerichtetenIntegration durch sexualpädagogische Bildung“. Die sexuelle Bildungsarbeit im Kontext von Flucht scheint von einem machtvollen Wissensdiskurs getragen zu sein, in welchem als „falsch“ und „richtig“ konstruierte Sexualitäten zu Diskriminierungs- und Ausgrenzungsanlässen werden (können). 

 

„[E]s braucht eine Entwicklung“ – Ambivalente Verflechtungen von Flucht, Sexualität und Geschlecht

Sexualität und Geschlecht sind als Ordnungsprinzipien mit normativen Anforderungen und gesellschaftlichen Ausschlüssen verbunden. Wie wirken die Kategorien Sexualität und Geschlecht jedoch im Zusammenhang mit Flucht im Feld der sexuellen Bildung?

Praktiker*innen nehmen bei Geflüchteten ein allgemeines Wissensdefizit im Bereich sexueller Bildung wahr. Bei Frauen bezieht sich dieses vermeintlich fehlende Wissen verstärkt auf Körperwissen und Rechte. Insbesondere (sexuelle) Selbstbestimmung sehen Praktiker*innen als zentralen Aspekt:

„[…] einige Frauen verstehen halt mittlerweile, dass so wie sie bisher gelebt haben,       dass sie hier so nicht leben müssen. […] dass sie in sehr klassischen Rollenbildern leben, ja. Und dass sie da auch einiges erdulden müssen, aber, dass sie hier jetzt selber merken, sie werden selbstbewusster. […]“ (Interview 1, 2019)

Männern mit Fluchterfahrung wird dagegen eher ein Wissensdefizit im Bereich Geschlechterrollen sowie (sexueller) Verhaltensregeln bescheinigt:

„Weil das schwer ist, sich in dem Rahmen, in dem plötzlich so vieles erlaubt ist und so vieles möglich und machbar ist, sich zu orientieren und rauszufinden, was ist denn jetzt wirklich ok, was geht und was ist eine Grenzüberschreitung.“ (Interview 2, 2019)

Die Zitate zeigen: Die Geschlechterverhältnisse der ‚Anderen‘ werden meist als traditionell gerahmt, das Sexualverhalten erscheint reglementiert. Im Umkehrschluss wird die Geschlechts- und Sexualitätsordnung in Deutschland liberal und offen konstruiert.

Praktiker*innen identifizieren dabei geschlechtsspezifische Herausforderungen: Während für Frauen die angenommene sexuelle Freiheit in Deutschland zur Selbstermächtigung befähige, berge sie für Männer eher Potenzial für Verunsicherung und Fehlverhalten im Kontakt mit ‚deutschen‘ Frauen.

Geflüchtete Frauen scheinen dagegen aus Sicht der Praktiker*innen den Strukturen in ihren Herkunftskontexten – traditionelle Geschlechterverhältnisse und Unterdrückung – ausgesetzt, Bildung in Deutschland wird als Schlüssel zur Selbstbestimmung gesehen. Dabei ist es offenkundig von Bedeutung für die Praktiker*innen, ob Wissen über Sexualität in institutionalisierter Form vermittelt wird. Informell erworbenes Wissen (z. B. über Familienmitglieder) wird als unzureichend eingeschätzt:

„[…] wie absolut essentiell sexuelle Bildungsarbeit auch für diese Zielgruppe ist, die häufig eben noch nie irgendwas sozusagen Professionelles an sexueller Bildungsarbeit erleben durfte, sondern die Aufklärung, ja, bestand dann, in was die Schwester einem so weitererzählt hatte, oder so, wenn überhaupt.“ (Interview 9, 2021)

Es wird deutlich, dass die Herkunftskontexte der Teilnehmenden als Erklärung für wahrgenommene Wissensdefizite sowie den Umgang mit genderbezogenen Themen dienen. Für Menschen aus bestimmten anderen Ländern gilt daher ein ‚Aufhol- bzw. Nachholbedarf‘. In dieser räumlichen Gegenüberstellung ist auch eine Zeitlichkeit eingeschrieben, was sich z. B. zeigt, wenn Praktiker*innen ihren Umgang mit der Thematisierung von Homosexualität schildern:

„[…] wenn man diesen Vergleich so sieht, Herkunftsland und Deutschland, dann kann ich immer sehr gut sagen, ,Wenn man jetzt mal so 70, 80 Jahre zurückguck[t] in Deutschland, da war es noch ganz anders hier. […] Themen wie Homosexualität wurden komplett anders behandelt, da war es eine Straftat […]‘ […] um jetzt nicht irgendwie zu sagen, ,Oh, hier ist alles besser‘, sondern es braucht eine Entwicklung […].“ (Interview 9, 2021)

 

Spannungsverhältnisse von Praktiker*innen der sexuellen Bildungsarbeit

Praktiker*innen der sexuellen Bildungsarbeit navigieren zwischen individuellen und gesellschaftlichen Wissensbeständen, was zu Spannungsverhältnissen, aber auch zur (Re-)Produktion von Ungleichheiten führen kann. Dies wurde auch in unseren Interviews deutlich. Sexualität sei von individuellen Sozialisationserfahrungen abhängig, es müsse daher stets differenziert werden. Insbesondere die Debatte um männliche Geflüchtete als potentielle Sexualstraftäter wird von den Praktiker*innen scharf kritisiert.  Gleichzeitig wird in Bezug auf männliche Geflüchtete bspw. der Präventionsgedanke stärker fokussiert und damit ein Othering der Sexualität von Geflüchteten vorgenommen. Dies zeigt deutlich, wie wirkmächtig bestimmte Narrative sind. Schwierig ist, außerhalb dieses diskursiven Rahmens verschiedene Wissensformen zu erkennen und zuzulassen.

Praktiker*innen nehmen auch bei Teilnehmenden Spannungen wahr: Ein Beispiel ist der ‚Jungfernhäutchen-Mythos‘. Das vermittelte Wissen der Praktiker*innen zu diesem Thema löse häufig eine Reaktion zwischen „Neugier“ und „Entsetzen“ (Interview 2, 2019) bei den Teilnehmenden aus, wenn diese ein anderes Wissen erlernt haben. Praktiker*innen nehmen hier Konflikte um akzeptiertes Wissen wahr. Darüber hinaus schildern die Befragten, auch Anforderungen an ihre Arbeit wahrzunehmen, die von externen Akteuren (z. B. Mitarbeitenden von Unterkünften) an sie herangetragen werden. Diese würden an integrationspolitische Forderungen anknüpfen und unter Umständen im Widerspruch zum eigenen professionellen Auftrag stehen.

 

Wie gehen Praktiker*innen mit diesen Spannungsverhältnissen um?

Eine möglichst wertfreie Haltung und stetiger Austausch mit den Teilnehmenden gehören für die Praktiker*innen zum A und O sexueller Bildungsarbeit. Dies benötigt einen hohen Grad an Selbstreflexion und gestaltet sich in der Praxis letztlich unterschiedlich: Ob verschiedenen Wissensformen Raum gegeben wird, hängt z. B. von der Bereitschaft ab, das eigene Expert*innenwissen bis zu einem gewissen Grad als fluide und kritikfähig zu sehen.

Die Praktiker*innen sind sich bewusst, dass sexuelle Bildungsarbeit allgemein und speziell im Kontext von Flucht mit gesellschaftlichen Diskursen verstrickt ist: Sie reagieren mit unterschiedlichen Strategien, wie einer politischen Positionierung zu bestimmten Parteien, der Betonung der eigenen Orientierung an gleichstellungspolitischen Zielen und Gesetzen oder der Definition der eigenen Arbeit unter dem Aspekt einer ‚Enttabuisierung‘ sexueller Themen – sowohl bei den Geflüchteten als auch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Dazu sei laut den Befragten auch eine methodische Offenheit nötig, die es Teilnehmenden erlaube, selbst Themen zu setzen und ihre Bedürfnisse in den Formaten frei zu artikulieren.

Eine Praktikerin fasst die Schwierigkeit ihrer Arbeit wie folgt zusammen:

„[A]lles über Bord zu werfen, was man glaubt zu wissen […] ist […] die Basis […] für gelingenden Austausch gerade zu diesem sehr besetzten Thema.“ (Interview 10, 2021)

 

Herausforderungen intersektionaler sexueller Bildungsarbeit

Die Ergebnisse verdeutlichen die Herausforderungen und Spannungsverhältnisse, denen Praktiker*innen der sexuellen Bildungsarbeit im Kontext von Flucht begegnen. Zugleich zeigt sich, dass unhinterfragte Stereotype, Othering oder normative Anforderungen die Anerkennung von verschiedenen Wissensbeständen und die Sichtbarmachung von Mehrfachdiskriminierungen behindern. Eine intersektionale Perspektive sexueller Bildung kann die Praktiker*innen darin bestärken, herauszufinden, was die konkreten Bedarfe der jeweiligen Zielgruppe sind. Dafür stellt die Reflexion der eigenen Erfahrungen und Kenntnisse eine wichtige Voraussetzung dar. Insbesondere geht es in diesem Zusammenhang um mehr Sichtbarkeit von Lebensentwürfen, die zuvor unberücksichtigt und somit unerreicht geblieben sind, z. B. queere Lebensrealitäten.

Hierfür ist es zentral, die vermeintlich „‚richtigen‘, gesellschaftlich anerkannten Formen von Sexualität“ oder Geschlechterverhältnissen zu hinterfragen und Stereotype professionell zu identifizieren.

Eine intersektionale Herangehensweise der sexuellen Bildungsarbeit ermöglicht zudem, sich Wissen bspw. zu Ungleichheitsstrukturen oder Othering-Mechanismen anzueignen und so pauschalisierende Zuschreibungen zu vermeiden.

Vor dem Hintergrund des Ziels sexueller Bildung, nachhaltige Lernprozesse anzustoßen, erhalten intersektionale Bildungskonzepte daher eine besondere Relevanz. Perspektiven aus dieser Richtung liegen bspw. bereits durch ein Rahmenkonzept für sexuelle Bildungsarbeit des Burgenlandkreises vor, welches über intersektionale und interkulturelle Qualifizierungsangebote für Praktiker*innen informiert.

 

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