Partizipation und Ownership in Fluchtsituationen – Neue Blogreihe

Die Autorinnen und Autoren dieser Blogreihe möchten verschiedene Konzepte zu Partizipation und Ownership in Fluchtsituationen vorstellen und Diskussionen anstoßen. Die Idee hierzu ist während eines Workshops im April 2019 am Zentralinstitut für Regionenforschung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entstanden. Dabei wurden Fragen von Handlungsfähigkeit, Eigenverantwortung und partizipativer Entwicklung in Fluchtkontexten aufgeworfen. Diese sollen in den folgenden Beiträgen weiter vertieft werden.

 

Weltweit sind immer mehr Menschen auf der Flucht. Zu Asylsuchenden und anerkannten Flüchtlingen kommen Binnenvertriebene und Menschen, die nicht unter die offizielle Flüchtlingsdefinition der Vereinten Nationen fallen, jedoch aufgrund klimatischer Veränderungen oder extremer Armut zur Migration gezwungen sind.

Fluchtsituationen gewinnen zudem zunehmend an Dauer und Komplexität. Derzeit verbringen Geflüchtete in langandauernden Fluchtsituationen im Durchschnitt über 20 Jahre außerhalb ihrer Heimat. Somit wird für sie eine Ausnahmesituation zum Alltag. Geflüchtete siedeln sich zudem immer häufiger außerhalb von Flüchtlingscamps an und ziehen von ruralen in urbane Räume. Ob in Camps oder Städten, Geflüchtete werden oft als abhängig von humanitärer Unterstützung dargestellt, die von internationalen und nationalen Akteuren sowie NGOs geplant und organisiert wird. Dabei ist die Kooperation humanitärer Akteure mit Geflüchteten, aber auch mit der umgebenden lokalen Bevölkerung, entscheidend für die Nachhaltigkeit lokaler Entwicklungen. Zuletzt wurde dies im Globalen Pakt für Flüchtlinge festgehalten, der im Dezember 2018 von der großen Mehrheit der internationalen Staatengemeinschaft angenommen wurde:

“Reaktionsmaßnahmen sind dann am effektivsten, wenn sie diejenigen, die geschützt und unterstützt werden sollen, aktiv und auf sinnvolle Weise einbinden. Die zuständigen Akteure werden, wo immer möglich, auch weiterhin Beratungsprozesse entwickeln und unterstützen, die es Flüchtlingen und Mitgliedern der Aufnahmegemeinschaften ermöglichen, geeignete, zugängliche und inklusive Reaktionsmaßnahmen mitzugestalten. Staaten und relevante Interessenträger werden nach Möglichkeiten suchen, wie Flüchtlinge und Mitglieder der Aufnahmegemeinschaften, insbesondere Frauen, junge Menschen und Menschen mit Behinderungen, sowie gegebenenfalls die Diaspora in die wichtigen Foren und Prozesse einbezogen werden können.“ (Globaler Pakt für Flüchtlinge 2018, Paragraph 34).

Während hier der Schwerpunkt auf die Einbeziehung Geflüchteter in Strategien von Staaten, humanitären und Entwicklungsakteuren gelegt wird, könnte die Perspektive selbstverständlich auch umgedreht werden: Welche Rolle können zivilgesellschaftliche, staatliche oder privatwirtschaftliche Akteure in Strategien und Initiativen Geflüchteter, der lokalen Bevölkerung oder lokaler Verantwortungsträger*innen spielen? Teilweise wird diese Frage durch den Grand Bargain aufgegriffen. In der anlässlich des World Humanitarian Summit 2016 verabschiedeten Vereinbarung, verpflichten sich Geldgeber und humanitäre Akteure Effizienz und Effektivität humanitärer Hilfe zu stärken, mehr finanzielle Ressourcen in die Hände lokaler Akteure zu geben und Zielgruppen stärker in Entscheidungsfindung einzubinden. So soll auch Ownership für Lösungen vor Ort gefördert werden.

Das englische „Ownership“ wird im Deutschen häufig mit „Eigenverantwortung“ übersetzt, um die Idee zu transportieren, dass sich Akteure eine Thematik, einen Prozess oder eine Aufgabe zu Eigen machen. Indem Wissenschaft und Praxis zunehmend die aktive Rolle von Geflüchteten in der lokalen Entwicklung in Aufnahmeländern hervorheben, treten innovative Beispiele für Eigenverantwortung, aber auch damit einhergehende Herausforderungen wie z.B. begrenzte Ressourcen, Netzwerke und Rechte zutage (siehe Forschung am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück und am Refugee Studies Centre (RSC) der Universität Oxford). Die Verknüpfung von Eigenverantwortung und Partizipation ist von besonderem Interesse, da partizipative Prozesse das Potential bergen, ganz unterschiedliche Akteure zusammenzubringen und zu stärken, um Herausforderungen aus neuen Blickwinkeln zu betrachten und anzugehen. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass Verantwortung nicht einseitig auf Geflüchtete oder aufnehmende Gemeinschaften verschoben wird.

Partizipative Prozesse können in langandauernden Fluchtkontexten ganz unterschiedliche Formen annehmen. Dies hängt erstens davon ab, wie Partizipation verstanden wird. Geht es um Konsultation, Möglichkeiten eigene Ideen einzubringen, gemeinsame Entscheidungsfindung oder Partnerschaften auf Augenhöhe? Komplikationen entstehen dann, wenn mehrere Akteure in einem multi-stakeholder Prozess unterschiedliche Vorstellungen verfolgen, und sich dessen möglicherweise gar nicht bewusst sind. Hierarchien und Abhängigkeiten spielen ebenso eine entscheidende Rolle. Die Ausgestaltung von Eigenverantwortung und Partizipation wird drittens dadurch bestimmt, welche Akteure die Initiative und Koordination für einen Prozess übernehmen, warum und für wen Möglichkeiten zur Partizipation geöffnet werden und welche unterschiedlichen Ziele Akteure durch ihre Teilnahme verfolgen. Viertens sind die Ebenen auf denen Akteure (inter)agieren von Bedeutung – sollen lokale Projekte vor Ort praktisch geplant und umgesetzt werden (YARID, AGORA), geht es um politische Entscheidungen oder Reformprozesse auf nationaler Ebene oder wird europäische bzw. internationale Kooperation für die Entwicklung regionaler und globaler Migrations- und Fluchtpolitik angestrebt?

Im Rahmen dieser offenen Reihe greifen Forscher*innen und Praktiker*innen Eigenverantwortung und Partizipation in Fluchtsituationen auf ganz unterschiedliche Weise auf.

 

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