Potentiale partizipativer Fluchtforschung. Anstoß zu einer Debatte.

Von Samia Aden, Caroline Schmitt, Yasemin Uçan, Constantin Wagner und Jan Wienforth

Der Beitrag reflektiert in Anknüpfung an die Beiträge von Steinhilper sowie Fröhlich und Krause, wer als „wir“ in der Fluchtforschung konstruiert und als Subjekt der Forschung mitgedacht wird und erkundet Potentiale partizipativer Forschung. Wir möchten damit zu einer solidarischen und selbstkritischen Debatte über das sich etablierende Forschungsfeld der Fluchtforschung einladen.

Dieser Beitrag versteht sich als Anknüpfungspunkt an die in diesem Blog veröffentlichten Beiträge der Kolleg*innen Steinhilper sowie Fröhlich und Krause. Unser Anliegen ist, die dort aufgemachte Debatte über die Benennung unseres Forschungsfeldes mit einer Debatte über unser Forschungsfeld zu verknüpfen. Die Umbenennung des „Netzwerks Flüchtlingsforschung“ in „Netzwerk Fluchtforschung“ ist ein wichtiger Schritt. Hiermit soll unseres Erachtens signalisiert werden, dass Fluchtforschung keine Forschung über geflüchtete Menschen ist, sondern in relationaler Perspektive als Forschung zu Lebensumständen von Menschen, Machtkonstellationen, politischen Strukturen sowie gesellschaftlichen Ein- und Ausgrenzungsprozessen zu verstehen ist. „Flüchtling“ bezeichnet in einem solchen Verständnis ein politisch-rechtliches und soziales Konstrukt,

„das bestimmte Funktionen für die national kodierte Selbstdeutung der Mehrheitsgesellschaft hat. […] Die Abwehr der ‚falschen Flüchtlinge‘ (Täter) stabilisiert das imaginierte Zentrum durch Ausgrenzung der Nicht-Dazugehörigen; als ‚Retter‘ der ‚echten Flüchtlinge‘ (Opfer) wird das Bild von „Europa“ als Hort der Menschenrechte und der politischen wie moralischen Überlegenheit aufrecht erhalten, was allerdings die Ausblendung (post-)kolonialer Täterschaft und Verantwortlichkeit voraussetzt“ (Niedrig und Seukwa 2010: 181).

Ein sich „Fluchtforschung“ nennendes Forschungsfeld verortet sich hingegen in postmigrantischen Gesellschaftsstrukturen, in welchen Mobilität von Menschen als Normalität angesehen wird und fragt, wer unter welchen Bedingungen mobil sein kann oder muss und wie hierdurch gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse (re)produziert und mitunter auch verschoben werden. Fluchtforschung relational zu denken, meint in der Konsequenz, im politischen und öffentlichen Diskurs gängige Unterscheidungen in ‚legitime‘ und ‚illegitime‘ Fluchtmigration kritisch zu hinterfragen . In diesem Beitrag schlagen wir vor, die relationale Perspektive auf Fluchtforschung als gesellschaftliches Querschnittsthema um eine Reflexion darüber zu erweitern, wer als „wir“ in der Fluchtforschung konstruiert und als Subjekt der Forschung mitgedacht und wer bisher allenfalls am Rande wahrgenommen wird. In dieser Reflexion sehen wir eine zukunftsweisende und entscheidende Frage für die Ausgestaltung des hiesigen Forschungsfeldes, die in der Mitgliederversammlung (im Rahmen der Konferenz des Netzwerks) im Herbst 2018 in Eichstätt ihren Niederschlag in einem – neben der Umbenennung inhaltlich am intensivsten diskutierten – zentralen Punkt fand: Nämlich in der Frage, wer Mitglied des Netzwerks sein kann und wer nicht. Bisher sind geflüchtete Menschen mit ihren Selbstorganisationen nicht als Mitglieder im Netzwerk vorgesehen. Bisher nehmen wir im Netzwerk und in der Fluchtforschung nur wenig Bezug auf die Perspektiven und Argumente von Selbstorganisationen Geflüchteter. In diesem Beitrag wollen wir daher selbstkritisch Fragen von Partizipation und Politisierung der Fluchtforschung aufwerfen und diskutieren.

Einbezug statt ‚Forschen über‘

Partizipativ ausgerichtete Forschungsaktivitäten sind keineswegs ein neues Thema. In der qualitativen Sozialforschung reichen ihre Ursprünge zurück bis in die Aktionsforschung der 1970er Jahre, deren Anspruch die Veränderung der sozialen Wirklichkeiten durch die Kooperation von Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen war. Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Zielsetzungen und Denktraditionen haben sich partizipative Ansätze seither stetig ausdifferenziert und werden aktuell mit steigendem Interesse interdisziplinär wahrgenommen und angewendet.

Gesellschaftskritische Forschungsperspektiven, die sich partizipativer Methoden bedienen, verstehen sich als Reaktion auf ungleiche Machtverhältnisse und Ressourcenausstattungen zwischen Forschenden und Beforschten bzw. Forschungspartner*innen. Es geht darum, marginalisierte und minorisierte Gruppen nicht darauf zu reduzieren, eine Informationsquelle zu sein und ihre Erfahrungen und ihr Wissen potentiell auszubeuten, sondern ihre Beteiligung und Mitbestimmung am Prozess der Wissensproduktion herzustellen. Hiermit verbunden ist das Anliegen, Wissenschaft zu demokratisieren. Das Refugee Studies Centre der University of Oxford formuliert als wichtiges Ziel der eigenen Arbeit, über die scientific community hinaus wirksam sein zu wollen und gesellschaftliche Verantwortung für die öffentliche Diskussion und Politik im Kontext ‚Flucht‘ zu übernehmen. In ihren Ethical Guidelines for Good Research Practice sind Wissenschaftler*innen aufgefordert, ihre Ergebnisse zu Gunsten der betreffenden Akteur*innen zu kommunizieren: „[They] should use the possibilities open to them to extend the scope of social inquiry, and to communicate their findings, for the benefit of the widest possible community” (ebd., S. 171). In einem der jüngsten Calls der Summer School in forced migration sind etwa Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Aktivist*innen im Flüchtlingsschutz, Rechtsanwält*innen und Wissenschaftler*innen in der Fluchtforschung aufgerufen, mit partizipativen Methoden gemeinsam kritisch zu diskutieren und voneinander zu lernen. Das Refugee Studies Centre bekundet ein besonderes Interesse am Einbezug von Menschen mit Fluchterfahrungen, die sich für betreffende Personen anwaltschaftlich einsetzen sowie am Einbezug selbstorganisierter Gruppen. Eine offene Frage bleibt, inwieweit sich geflüchtete Menschen und ihre Selbstorganisationen tatsächlich beteiligen und wie ihre Beteiligung erreicht wird.

Partizipation an Fluchtforschung: Welche Fluchtforschung, wessen Fluchtforschung?

In den vergangenen zehn Jahren haben Autor*innen die Frage nach dem Einbezug geflüchteter Menschen immer wieder zum Thema gemacht und die ‚alte‘ Frage der Repräsentationsmacht aufgeworfen, wer eigentlich welches Wissen über wen generiert und wer von akademischen Aktivitäten und Erkenntnissen profitiert und wer nicht. Damit geht ein Bewusstsein über die Gewaltförmigkeit von Wissen einher, welches Wissen als machtvolle Instanz erachtet.

Strategien wie ein gemeinsamer und dialogischer Forschungsprozess (von der Planung, Durchführung bis hin zur Veröffentlichung) mit den betreffenden Subjekten, Communities, Gemeinschaften oder Praktiker*innen sowie gemeinsame Ko-Autor*innenenschaften stellen Optionen für die Teilhabe am Prozess der Wissensproduktion dar. Statt Wissen über sie, soll Wissen mit ihnen gemeinsam produziert werden. Hierin zeigt sich ein Versuch, die Stimmen derjenigen sichtbar zu machen, die von den Auswirkungen der Forschung in ihren Lebenswelten unmittelbar betroffen sind. Einerseits können durch den gemeinsamen Forschungsprozess Erkenntnisse sowohl für die Praxis als auch für die Forschung entstehen. Andererseits ermöglichen gemeinsame Forschungsaktivitäten den betreffenden Akteur*innen potentiell, Kompetenzen und Ressourcen zu erwerben, die ihre Handlungsfähigkeit steigern.

Partizipative Ansätze divergieren hinsichtlich des Grads des Einbezugs von Akteur*innen – je nachdem, ob Wissenschaftler*innen ihre Tätigkeit als handlungs- und anwendungsorientierte Praxis definieren oder als grundlagentheoretisches Arbeiten jenseits einer praxisverändernden Intention. Zum Teil streben partizipative Ansätze die nachhaltige Verbesserung der gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten betreffender Subjekte an. Gleichzeitig wird betont, dass mit Partizipation an Forschung keine normative Verpflichtung zu konkreter Praxisveränderung einhergeht. Mitunter wird auch die Frage aufgeworfen, ob jede Forschung partizipativ sein soll und kann bzw. in welchen Kontexten partizipative Methoden sinnig zum Tragen kommen können.

Die Diskussion um partizipative Forschung hat bisher noch wenig Eingang in das Netzwerk Fluchtforschung gefunden. Festzustellen war, dass auf der Konferenz des Netzwerks im Oktober 2018 in Eichstätt geflüchtete Menschen weitgehend nicht als Vortragende, Organisator*innen, Moderator*innen usw. partizipierten und ihre Abwesenheit nicht kollektiv problematisiert wurde. Gleichsam wurde aber das Potential partizipativer Forschung in einigen Vorträgen und Panels anregend diskutiert. In der fachlichen Diskussion wird bisher vor allem Hannah Arendt – als Akteurin mit Fluchterfahrung – ubiquitär zitiert, ein Bezug auf zeitgenössische politische Selbstorganisationen und Positionierungen geflüchteter Menschen findet in der scientific community jedoch nur vereinzelt statt.

Eine Diskussion zu partizipativer Forschung und ein Einbezug von Selbstorganisationen geflüchteter Menschen in das Netzwerk haben das Potential, so unsere These, die Fluchtforschung gegenstandsangemessener zu gestalten. Dieses Potential zu ergründen ist auch für uns, als Autor*innen dieses Beitrags, weitgehend ein neues Unterfangen.

Perspektive: Die Diskussion fortführen

Die zunehmende Institutionalisierung von Fluchtforschung schafft neue Möglichkeiten, Themen und Perspektiven auf die Agenda zu setzen, die bislang in der akademischen Welt nur vereinzelt repräsentiert sind. Bemühungen um eine Öffnung des Netzwerkes rufen grundständige Fragen ethischer Standards, wissenschaftlicher Selbstverständnisse und Überlegungen zum Grad an gewünschter Politisierung des Forschungsfeldes auf, die es auszuhandeln gilt. Vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen stellt sich die Frage, wie sich Fluchtforschung positionieren und in politische Debatten einbringen will, kann und muss. Wollen wir Fluchtforschung als wissenschaftliche Grundlagenforschung ohne Einbezug ihrer Subjekte betreiben oder verstehen wir Fluchtforschung als kritische und postmigrantische Grenzregimeforschung, die in ihren Auswirkungen auf die Lebenswelten der betreffenden Menschen zu reflektieren ist und diese als Partner*innen und Mitgestalter*innen von Forschung versteht?

Die Bemühung um Herstellung von Partizipation in Forschungsaktivitäten ist sicherlich kein ‚Allheilmittel‘ gegen Ausschluss und hegemoniale Wissensproduktion. Trotz all ihrer Grenzen und Herausforderungen – zum Beispiel mögliche Interessenskonflikte, Rollenerwartungen, finanzielle Ressourcen für Partizipation, Konstruktion marginalisierter Gruppen – bietet sie jedoch die Möglichkeit, Hierarchien und damit einhergehende Deutungsmacht von Forschenden gegenüber den Forschungssubjekten aufzubrechen. Aus diesem Grund sprechen wir uns für eine Reflexion zu Schritten für eine inklusivere und partizipativere Gestaltung des Netzwerks und der Fluchtforschung insgesamt aus. Die inklusive Gestaltung von Netzwerk und Forschung hat das Potential, bestehende Herrschaftsverhältnisse und postkoloniale (Welt-)Verhältnisse und unsere darin verstrickten akademischen, institutionellen Forschungspraktiken zu thematisieren. Damit bliebe es nicht bei einer Forschung, die Geflüchtete als ‚Forschungsgegenstand‘ objektiviert, sondern sie als Subjekte mit ihren Erfahrungen, mit ihrem Wissen und ihren Kompetenzen wahr- und ernst nimmt.

Dieser Kommentar will einladen zu einer solidarischen und selbstkritischen Debatte über die aufgemachten Punkte und die Frage, welche Potentiale sich zur Ausgestaltung des sich etablierenden Forschungsfelds der Fluchtforschung auftun.

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