Senegalesische Corona-Songs als Informationsquelle für Geflüchtete und Migrant*innen

 

Der Zugang zu verlässlichen Informationen ist in der Corona-Pandemie besonders für Menschen auf der Flucht und in Residenzländern nicht immer sichergestellt. Corona-Songs, also Sensibilisierungslieder, können hier eine wichtige Funktion einnehmen. Aufbauend auf einem jüngst veröffentlichten Forumsartikel in der Z’Flucht gehe ich in diesem Beitrag auf das Potenzial senegalesischer Corona-Songs als Sensibilisierungs- und Informationsquelle für wolofsprachige Geflüchtete und Migrant*innen ein.

 

„Fagaru gënn faju“
(dt.: „Vorsorgen ist besser als ärztlich behandelt zu werden“)
Y’en a Marre im Lied „Fagaru Ci Coronavirus“ (2020)

 

Im Laufe der Corona-Pandemie haben Staaten unterschiedliche Maßnahmen ergriffen, um das Virus einzudämmen. Doch nicht nur politische, sondern auch zivilgesellschaftliche Akteur*innen beteiligen sich am Kampf gegen COVID-19. In vielen afrikanischen Ländern haben Musiker*innen Corona-Songs – wie auch bereits während der Ebola-Epidemie – zur Sensibilisierung und Informationsverbreitung komponiert. Auch im Senegal sind seit März 2020 Corona-Songs entstanden. Ich untersuche in diesem Beitrag, inwiefern Corona-Songs für wolofsprachige Geflüchtete und Migrant*innen einen wichtigen Zugang zu Informationen darstellen können. Hierfür wurden 20 senegalesische Lieder untersucht.

 

Informationsmangel von Geflüchteten und Migrant*innen in der Corona-Pandemie

Geflüchtete und Migrant*innen in Transit- und Residenzländern stehen in der Corona-Pandemie vor besonderen Herausforderungen. Sie haben häufig nur einen eingeschränkten oder sogar gar keinen Zugang zum Gesundheitssystem, zu Wasser und Seife oder zur Möglichkeit des Social Distancings aufgrund einer beengten Wohnsituation. Sie sind jedoch nicht nur wegen ihrer prekären Lebensumstände besonders vulnerabel, sondern auch wegen ihrem eingeschränkten Zugang zu verlässlichen Informationen. Verständliche Informationen zum Coronavirus sowie zu Schutz- und Verhaltensmaßnahmen sind während der Pandemie lebensnotwendig. Das Vertrauen in staatlich verbreitete Informationen in Transit- und Residenzländern ist häufig gering. Nichtregierungsorganisationen versuchen zwar, dem Informationsmangel – beispielsweise durch Informationsblätter in verschiedenen Sprachen –  entgegenzuwirken, erreichen jedoch häufig nur alphabetisierte Geflüchtete und Migrant*innen.

 

Corona-Songs als alternative Informationsquellen

Corona-Songs können als alternative Informationsquellen dienen. Auch Menschen, die nicht alphabetisiert sind, können die gesungenen Informationen verstehen. Die Lieder werden hauptsächlich über Soziale Medien verbreitet und sind mit dem Smartphone leicht zugänglich. Für Geflüchtete und Migrant*innen ist das Smartphone ein wichtiges Medium für die Informationsbeschaffung. Während der Pandemie nimmt das Smartphone eine besonders wichtige Funktion ein, da muttersprachliche Informationen zum Coronavirus über das Internet konsumiert werden können. Auch die untersuchten 20 senegalesischen Corona-Songs, die zwischen dem 18. März und 10. Mai 2020 veröffentlich wurden, erfahren eine weite Verbreitung über die Sozialen Medien. Alle Lieder sind hauptsächlich auf Wolof, der Verkehrssprache des Senegals, und können daher von fast allen Senegales*innen verstanden werden. Auch in den Nachbarländern gibt es Wolofsprecher*innen, allerdings in viel geringerem Ausmaß. Die Verbreitung von wichtigen Informationen, die Sensibilisierung und auch Mobilisierung der Bevölkerung durch Musik hat im Senegal eine lange Tradition. Lieder werden beispielsweise im Kontext von Wahlen zur Aufklärung der Bevölkerung verwendet und Musiker*innen sind als vertrauenswürdige Informationsquelle etabliert. Für wolofsprachige Geflüchtete und Migrant*innen bieten sie die Möglichkeit, sich über Entwicklungen im Herkunftsland zu informieren. Doch die Corona-Songs verbreiten Informationen, die auch über das Herkunftsland hinaus wichtig sind.

 

Sensibilisierungspotenzial der Lieder für Geflüchtete und Migrant*innen

Bei der Untersuchung der 20 senegalesischen Corona-Songs lassen sich drei verschiedene Funktionen identifizieren, die die Lieder erfüllen: erstens, sie informieren über das Coronavirus; zweitens, sie erläutern Schutzmaßnahmen und Verhaltensregeln und drittens, sie dekonstruieren Fake-News. Die in den Songs enthaltenen Informationen über das Virus stimmen mit den Erkenntnissen von Expert*innen überein. Es werden sowohl die Verbreitungswege als auch die Symptome in einfachen Worten beschrieben und in den Videoclips visualisiert. Dadurch sind die Informationen auch für nicht-alphabetisierte Geflüchtete und Migrant*innen leicht verständlich. Die weltweite Verbreitung von COVID-19 und die Existenz des Virus im Senegal werden besonders betont. Die Gefährlichkeit des Virus und die weltweiten Folgen werden in den Musikvideos durch Sequenzen aus Nachrichtensendungen, die Menschen auf der ganzen Welt in Krankenhäusern und in Seuchenschutzkleidung sowie Särge zeigen, dargestellt.  Das lokale Geschehen wird somit in den globalen Kontext eingebettet und die Relevanz der Informationen außerhalb des Senegals verdeutlicht. Wolofsprachige Migrant*innen und Geflüchtete bekommen so die Möglichkeit, die Botschaften der Corona-Songs auf sich und ihre Lebenssituation in Transit- und Residenzländern zu beziehen.

Auch die verschiedenen Schutzmaßnahmen wie Hände waschen, das Tragen von Masken oder das Husten in die Armbeuge werden erwähnt und in den Musikvideos dargestellt. Die Regeln des Social Distancing, des Abstand Haltens sowie die Aufforderung, Versammlungen zu meiden und zu Hause zu bleiben, werden in den Liedern deutlich. Ein weiterer Punkt, der in vielen Liedern große Beachtung findet, ist der Aufruf zu lokaler und globaler Solidarität. Die Botschaft lautet, dass das Coronavirus nur durch weltweite Anstrengungen und Zusammenhalt bewältigt werden kann. Geflüchtete und Migrant*innen werden dadurch angesprochen und können sich als Teil der globalen kollektiven Anstrengungen bei der Bekämpfung des Virus fühlen. Als eine wichtige Bewältigungsstrategie der Auswirkungen der Pandemie auf der persönlichen Ebene nennen einige Sänger*innen das Gebet. Dies mag auch für Geflüchtete besonders relevant sein, denn Gebet und Glaube können für Menschen auf der Flucht wichtige Strategien bei der Bewältigung von schwierigen Lebensumständen sein.

Die Dekonstruktion von Fake News in den Liedern ist sehr relevant. Dip Doundou Guiss stellt in seinem Song beispielsweise klar, dass auch schwarze Menschen das Coronavirus bekommen können. Er entkräftet dadurch am Anfang der Pandemie entstandene Gerüchte, die das Gegenteil behaupteten. Im Song „Corona Virus“ von Bitikou Laye feat. Esprit werden in einfachen Worten, wie in Form eines Gesprächs, Argumente gegen die Schutzmaßnahmen wie das Verwenden von Desinfektionsmitteln oder das Tragen von Masken widerlegt. Gleichzeitig wird die Instrumentalisierung des Gebets und Glaubens kritisiert. Das Gebet wird in den Corona-Songs also nicht nur als Bewältigungsstrategie genannt, sondern auch kritisch gesehen, wenn es zur Nicht-Einhaltung der Verhaltensregeln führt. Kine Laam et al. beschäftigen sich mit US-amerikanischen Fake News, nämlich der vorsorglichen Einnahme von Chloroquin, von der die Sänger*innen strikt abraten. Wolofsprachige Migrant*innen und Geflüchtete in den USA können durch den Song wichtige Informationen zu ihrem Schutz erhalten. Die Verbreitung der Corona-Songs über die Sozialen Medien stellen außerdem ein Gegengewicht zu Fake News dar, die ebenfalls über die Sozialen Medien verbreitet werden.

Für Geflüchtete und Migrant*innen im Globalen Norden und im Globalen Süden wird in den Corona-Songs besonders eines deutlich: Die Pandemie hat drastische Folgen, sie fordert viele Tote und überfordert Krankenhäuser überall auf der Welt. Die weltweite Gültigkeit der in den Liedern dargestellten Verhaltensregeln und Schutzmaßnahmen wird dadurch betont. Dies zeigt die thematische Relevanz der Corona-Songs für Menschen in Transit- und Residenzländern.

 

Potenzial von Musik und Videoclips bei der Informationsvermittlung

Am Beispiel der Analyse der Corona-Songs wird das Potenzial von Musik und Videoclips bei der Vermittlung von Informationen deutlich. Eingängige Melodien mit Texten in einfachen Worten können wichtige Botschaften leicht weitergeben. Videoclips veranschaulichen die Botschaften zusätzlich. Für Geflüchtete und Migrant*innen sind die Informationen dadurch leicht verständlich. Der einfache Zugang zu den Liedern durch Soziale Medien fördert außerdem die Verbreitung der Informationen. Diese Faktoren sollten bei der Konzeption von Informations- und Sensibilisierungsmaterialen für Geflüchtete und Migrant*innen mehr berücksichtigt werden.

 

Dieser Blogbeitrag ist auch im Englischen erschienen und Teil der Reihe Folgen von COVID-19 für Flucht und Geflüchtete auf dem FluchtforschungsBlog.

Für eine ausführlichere Analyse siehe: Stier, Julia (2020): “Senegalesische Corona-Songs als Sensibilisierungs- und Informationsquelle für wolofsprachige Geflüchtete und Migrant*innen“. In: Zeitschrift für Flucht- und Flüchtlingsforschung (Z’Flucht), Jg. 4, H. 1, S. 131 – 148.

 

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